Harmonielehre

Zusammenfassung aus verschiedenen Lehrbüchern. Speziell die von Pöhlert sind empfehlenswert, aber etwas unübersichtlich weil sie als Übungsbücher aufgebaut und für Anfänger geschrieben sind.

Akkorde:

Kurzschreibweisen:

Töne werden in Kleinbuchstaben geschrieben, alteriert mit Zusatz "es" oder "is". Für die große Septime h wird hier die internationale Schreibweise b verwendet, alteriert bes, bis. Akkorde werden in Großbuchstaben mit nachgestelltem Versetzungszeichen "b" oder "#" geschrieben. Bei Akkordumkehrungen steht der Grundton, durch Bruchstrich getrennt, unter der Akkordbezeichnung. Intervallbezeichnungen bei Akkordsymbolen sind vom kleinsten zum größten Intervall angeordnet, hochgestellt und durch "/" getrennt. Große Intervalle sind nur an der Stufenzahl ohne Zusatz erkennbar. Kleinen und verminderten Intervallen wird ein "-" vorangestellt, übermäßigen ein "+". Ausnahmen: die große Terz wird nicht bezeichnet, die kleine Terz mit "m" (= moll), die große Septime mit "j" (= major) und die kleine Septime mit "7".

Oft werden die mit "#" alterierten Akkordbezeichnungen enharmonisch umgedeutet und durch solche mit "b" ersetzt, außer bei F# und C#. Verminderte und übermäßige Intervalle werden auch umgedeutet.

C9 Enthält die 7 (außer bei Akkorden mit der 6, Bsp. G6/9) und die 9.
C11 Enthält die 7, 9 und 11.
C13 Der Terzdezimen-Akkord enthält die 7, 9, 13, nicht aber die 11 (dafür in Literatur manchmal +11).
C11/13 Enthält die 7, 9, 11, 13, also alle Töne der Tonleiter mit kleiner Septime (Mixolydisch).
Cadd_x Bei allen Tönen über der achten Stufe wird "add" dazugesetzt, wenn einer der vorhergehenden Töne 7, 9 oder 11 nicht enthalten ist (Bsp. Gadd+11/13).

Verminderte (diminished):

Der durch die charakteristische verminderte Quinte entstehende Tritonus b-f macht die Verminderten zu Spannungsakkorden. Sie können auch als "verkürzte" Septim- oder Nonakkorde ohne Grundton gesehen werden. Der verminderte Septimakkord BO enthält noch einen zweiten Tritonus d-as.

Bm-5 Dreistimmiger Mollakkord mit verminderter Quinte, Grundton klar erkennbar.
Umdeutung: G1/7 = Bm-5.
BØ Bm-5/7 mit kleiner Septime (Halbverminderter Septimakkord). Nicht eindeutig, weil harmonisch identisch mit Dm6. Umdeutungen: G1/9 = BØ = Dm6.
BO Bm-5/-7 (= Bm-5/6) mit verminderter Septime (Verminderter Septimakkord).
Jeder Ton kann Grundton sein, da der Akkord nur aus kleinen Terzintervallen besteht.
Umdeutungen: G1/-9 = BO = Bb1/-9 = DO = Db1/-9 = FO = E1/-9 = AbO.

Übermäßiger (augmented):

C+5 = E+5 = Ab+5 Nur große Terzintervalle, Grundton lässt sich nicht erkennen.

Vorhalte (suspended):

Ein akkordeigener Ton wird weggelassen und stattdessen der angegebene gespielt.

Csus4, Fsus+4 Quartvorhalt, zwei Quarten übereinander. Terz wird durch die reine oder übermäßige Quarte ersetzt. Der übermäßige Quartvorhalt kann sich zur Terz oder zur Quinte auflösen.
Gsus4/7 Dominante mit Quartvorhalt und kleiner Septime, drei Quarten übereinander. Die Töne c, d, f sind identisch mit Dm7, deshalb kann dieser auch als Vorhalt gesehen werden.
Gsus(-)6 Dominante mit Sextvorhalt, (=Em oder G+5). Quinte wird durch kleine oder große 6 ersetzt.
Gsus4/(-)6 Quartsextvorhalt, entspricht C(m). Terz und Quinte werden durch Quarte und Sexte ersetzt.
C(m)sus2 Sekundvorhalt, ersetzt die Terz und löst sich zu dieser auf.
C(m)sus9 Nonvorhalt, ersetzt den Grundton und löst sich zu diesem auf.
C(m)j Septimvorhalt, ersetzt den Grundton und löst sich zu diesem auf.
BO Wird ein beliebiger Ton des Verminderten um einen Halbton erniedrigt entsteht ein X-9.

Umdeutungen:

bezeichnen Akkordverwandschaften die durch Akkordumkehrungen und Hinzufügen oder Weglassen weniger Töne gebildet werden. Oktaven und Komplementärintervalle werden dabei oft gleichgesetzt. Für Akkorde die auf der C-Dur Tonleiter aufgebaut sind gilt:
Subdominantcharakter haben Akkorde die den Ton f enthalten, aber nicht b: IVj, IIm7
Dominantcharakter haben Akkorde die die Töne f und b (Tritonus) enthalten: V7, VIIØ
Tonikacharakter haben Akkorde die den Ton f nicht enthalten: Ij, VIm7, IIIm7

Spannungsreiche Akkorde sind die mit Tritonus, also die mit -5 (+11), alle Verminderten, m6, 7, -9.
Der Tritonus b-f kann sich zu den großen Terzen c-e oder bes-fis, oder zu den kleinen Terzen c-es oder a-fis auflösen. Die Auflösung des Dominant-Septimakkords zur Tonika wird als Quintfall (→) bezeichnet.

Dominantseptnonakkorde (9, -9) werden ohne Grundton zu (Halb-) Verminderten umgedeutet. Weil Septime und None von G9 gleichzeitig Grundton und Terz von F sind, nähern sich Dominante und Subdominante an.

Kleine Sekunde (große Septime):

Db-5/7 = G-5/7 → C, Db7 → GbO = CO Tritonus-Umdeutung und Quintfall
Abm6 = G1/+5/-9 Tritonus b-f in Abm6 ist auch in G7

Große Sekunde (kleine Septime):

G7 → C6 = Am7, G7 → CO = AO Quintfall und kleine Terz-Umdeutung
A7 → Dm6 = G1/9 (→ C) Quintfall und Quart-Umdeutung (II-V-I Verbindung)
C+5/+11 = D+5/+11 = E+5/+11... Großer Sekundenzirkel

Kleine Terz (große Sexte), Terzverwandtschaft (Parallele):

F6 = Dm7, F-5/6 = Dm6 = BØ Mit Dm7 kann über der Subdominante improvisiert werden
BO = DO = FO = AbO Verminderte (kleiner Terzenzirkel)
G7 = Em1/-9  

Große Terz (kleine Sexte), Terzverwandtschaft (Mediante, Gegenklang):

Cj = Em-6, C1/j/9 = Em7 Mit Em7 kann über der Tonika improvisiert werden
C+5 = E+5 = Ab+5 Übermäßige (großer Terzenzirkel), Ruheakkord
Bm-5 = G1/7, BO = G1/-9 Verminderte sind 7/(-9) Akkorde ohne Grundton

Quarte (Quinte):

G7 → C(m) Quintfall
G1/9 = Dm6, G1/3/9 = Dm, G1/3/11 = Dm7 Quintverwandtschaft: der obere Tetrachord der G-Dur Tonleiter ist gleich dem unteren von D-Dur.
G1/sus4/9 = Dm7, Gsus4/5/7 = Csus4 Quartvorhalt

Tritonus (teilt die Oktave symmetrisch):

G-5/7 = Db-5/7 Der Tritonus f-b von G7 ist auch in Db7 enthalten, beide können sich damit zu C oder F# auflösen. G-5/7 enthält zusätzlich den Tritonus g-des der sich zu D oder Ab auflösen kann. Beispiel Neapolitaner: Cm, Db, G7 (G-5/7 = Db-5/7), Cm. Die klassische Umdeutung zur Kadenz mit Db =Fm5/-6 zeigt nicht den starken Spannungs- und Durcharakter des Db.
BO= FO Verminderte

Improvisationsgerüst mit Terzverwandtschaften bei Kadenzen

        Dm7   Fj   Am7 :Tonmaterial Dm11 = F13 (mit f, ohne b)
↙————´      
G7   BØ   Dm7   Fj   Am7 :Tonmaterial von G11/13 (mit f und b)
  `——↘   ↘    ↙    
  Am7   Cj   Em7    

Am7

:Tonmaterial von Am11 = C13 (ohne f)
     

Falsche Auflösungen

G7 - Am Quintfall und kleine Terz-Umdeutung, Tritonus b-f geht nach c-e
G7 - Em Quintfall und große Terz-Umdeutung
G7 - Abj Quintfall und große Terz-Umdeutung, Tritonus b-f geht nach c-es
G7 - Ebj Quintfall und kleine Terz-Umdeutung
G7 - Dbj Tritonusumdeutung
G7 - Bbj Gemeinsame Töne d, f, (a). Übergang von G-Dur nach Gm1/9 = Bbj
G7 - Fj Tritonus b-f geht nach c-e = 5 und j von Fj

Diatonik, Skalen

Akkordaufbau mit leitereigenen (diatonischen) Tönen. Die Akkordsymbole bezeichnen hier die ganze Skala. In Klammern sind zu vermeidende Töne (dissonant oder Vorwegnahme von Auflösungen).

Stufe I II III IV V VI VII
C-Dur Major C Ionian
Cj/13
D Dorian
Dm11/13
E Phrygian
Em(-9)/11/(-13)
F Lydian
Fj/+11/13
G Mixolyd.
G13
A Aeolian
Am11/(-13)
B Locrian
BØ/(-9)/11/-13
Moll melodisch aufsteigend C MMa
Cmj/11/13
Dm(-9)/11/13 Eb Lydian+5
Eb+5/j/+11/13
F Lydian7
F+11/13
G-13 A Locrian9
AØ/11/-13
B altered
B-5/-9/+9/-13
Moll harmonisch Cmj/11/-13 DØ/-9/11/13 Eb+5/j/11/13 Fm+11/13 G-9/-13 Abj/+11/13 BO/-9/-11/-13
Moll natürlich Cm11/-13 DØ/-9/11/-13 Ebj/11/13 Fm11/13 Gm-9/11/-13 Abj/+11/13 Bb11/13

Zwischendominanten:

sind Septimakkorde auf diatonischen Stufen, deren Auflösungen wieder auf leitereigenen Stufe enden. Keine Zwischendominanten sind G7 (Primärdominante) und F7 (wird trotzdem im Blues verwendet). Mit Zwischendominanten kann man temporär in eine andere Tonart übergehen. Bei den Auflösungen nach Moll (II, III, VI) wird oft harmonisch Moll (m-6/j) gespielt. Beispiele:
G7 → C kann durch Dm7 → G7 → C ersetzt werden. D ist Zwischendominante von G.
E7 → Am kann durch BØ → E7 → Am ersetzt werden. B ist Zwischendominante von E.

Ersatzdominanten:

sind durch Tritonusumdeutung erhaltene Septimakkorde auf nicht-diatonischen Stufen, die sich auf diatonische Stufen auflösen. Oft wird mit der Erweiterung X+11/13 (Lydisch7) improvisiert.

Diatonisch: Cj Dm7 Em7 Fj G7 Am7 BØ
Zwischendominante: (G7) A7 B7 C7 D7 E7 -
Temporäre Tonart: Cj Dm-6/j Em-6/j Fj Gj Am-6/j -
Ersatzdominante: Db7 Eb7 - Gb7 Ab7 Bb7 -

Bluesskala:

Die Blue Notes es, ges und bes in C-Dur ergeben Ebm und können über alle 3 Stufen gespielt werden: Ebm über C = C+9/+11, Ebm über F = F-9, Ebm über G7 = G+9/-13 (hier kein ges verwenden)
Zur Improvisation über der Dominante eignet sich auch Fm7 über G7 = G-9/11/-13(+5).

Pentatonik:

Skala ohne Halbtonschritte bzw. ohne Tritonus. Dur Pentatonisch: 1, 2, 3, 5, 6 (schwarze Tasten auf dem Klavier), Moll Pentatonisch: 1, -3, 4, 5, 7, oder (Coltrane): 1, 2, -3, 5, 6
Improvisation über V7 mit Dur pentatonischer Skala auf folgenden Stufen von V7 (konsonant zu dissonant):
I (=V13), IIIb (=V+9), VIIb (=Vsus4/9), IV (=Vsus4/13), Vb (=V+5/-9/+9/+11), VIb (=V+5/+9), II (=V+11/addj), V (=V9/addj), IIb (=V+5/-9/+9), III (=V+5/-9/+11/addj), VI (=V-9/+11/addj), VII (=V+5/-9/+9/+11/addj)
Improvisation über Vm7 von konsonant zu dissonant: IIIb, VIIb, IV, VIb, IIb, Vb, I, V, VII, II, VI, III
Improvisation über Vj von konsonant zu dissonant: I, V, II, III, VI, IV, VIIb, VII, IIIb, VIb, Vb, IIb

Übermäßige Skala:

1 +2 3 5 +5 j Besteht aus zwei verschachtelten übermäßigen Akkorden.
Improvisation über V7 oder I+5/j auf deren Stufen III oder V#
Improvisation über Imj auf dessen Stufen VII, IIIb oder V
Improvisation über XØ/(9)/(11) auf dessen Stufen VIIb, II oder IV#

Jazz-Skalentabelle

Wenn eine Skala auf einer beliebigen Stufe verwendet werden kann steht die Stufenbezeichnung (X).

  Skalenname Symbol
X=beliebige Stufe
Herleitung aus Stufe Intervallstruktur
zu vermeidende Optionstöne in Klammern
Verwendbare Optionstöne Optionstöne bilden Akkord Bemerkungen
T
o
n
i
k
a
Ionisch Ij/13 I in Dur 1, 2, 3, (4), 5, 6, j 9, 13 IIm3/6 = VII5/Ø Die 11 wäre gleich der Septime des vorangegangenen V7, und das Intervall zwischen 3 und 11 der Tonika (kleine None) hat keinen Ruhecharakter.
Lydisch IVj/+11/13 IV in Dur 1, 2, 3, +4, 5, 6, j 9, +11, 13 II6  
MMa Imj/13 I in MMa 1, 2, -3, (4), 5, 6, j 9, 13   Moll melodisch aufsteigend
D
u
r
-
S
e
p
t
i
m
a
k
k
.
Mixolydisch V13 V in Dur 1, 2, 3, (4), 5, 6, 7 9, 13 IIm3/-6 =VIIb5/j Die 11 nimmt den Grundton des nachfolgenden I vorweg. Quinte kann -5, 5, +5 sein ohne den Dominantcharakter zu verändern.
MHV V-9/-13 V in MH 1, -2, 3, 4, 5, -6, 7 -9, -13 IIb3/6 =VIIbm5 Moll harmonisch auf V. Stufe (Arabisch Moll). Auflösung Moll.
Alteriert (V, III, VII)-5/-9/+9/-13 VII in MMa 1, -2, +2, 3, -5, -6, 7 -9, +9, -13 IV#6/9 Gleiches Tonmaterial wie Lydisch7 nur auf Stufe V. Auch verminderte Ganztonskala, da ab der Terz Ganztöne. Auflösung nach Dur oder Moll.
Mixosus4/7 Vsus4/13 V in Dur 1, 2, (3), 4, 5, 6, 7 9, 13 VIIbj Quartvorhalt
Mixo+11,
Lydisch7
(IIb, II, IV, VIIb)+11/13 IV in MMa
V in V7alt
1, 2, 3, +4, 5, 6, 7 9, +11, 13 VIIb+5/j Vertreter für V7alt. Wird aber nicht auf Stufe V verwendet sondern auf der Ersatzdominante, also ein Tritonus entfernt V7alt = IIb+11/13.
Mixo-9/+11 V-9/+11/13 V in Dur 1, -2, 3, +4, 5, 6, 7 -9, +11, 13 VI6/-9 Immer auf V. Stufe. Auflösung nach Dur.
GT V+5/+11
V-5/-13
  1, 2, 3, +4, +5, 7
1, 2, 3, -5, -6, 7
9, +11
9, -13
II+5 Ganztonskala, übermäßiger Akkord.
Zwei Darstellungsmöglichkeiten der Ganztonskala.
HTGT V-9/+9/+11/13   1, -2, +2, 3, +4, 5, 6, 7 -9, +9, +11, 13 VI-5/6/-9 Halbton-Ganztonskala. Wie Mixo-9/+11, zusätzlich mit +9.
M
o
l
l
-
7
Dorisch IIm11,
Xm13
II in Dur 1, 2, -3, 4, 5, (6), 7 9, 11, (13) VIIb(j) Die 13 in IIm11 nimmt die Terz des nachfolgenden V7 vorweg. Ausnahme wenn die 13 als Melodieton stufenweise abwärts (vorhaltig) oder aufwärts verwendet wird (wirkt wie ein chromatischer Durchgangston, obwohl er leitereigen ist).
MN, Aeolisch VIm11 VI in Dur 1, 2, -3, 4, 5, (-6), 7 9, 11 VIIb7 Moll natürlich. Durch die -13 wird die kleine Terz des nachfolgenden IIm7 vorweggenommen, oder die Septime des nachfolgenden V7.
Phrygisch IIIm7/add11 III in Dur 1, (-2), -3, 4, 5, (-6), 7 11    
Ø Lokrisch IIØ/add11/-13,
XØ/-9/-13
VII in Dur
II in MN
1, (-2), -3, 4, -5, [5], -6, 7 (-9), 11, -13 IIb1/6 =VIIbm3/7 Ab Quarte Ganztonskala. Durch die -13 in IIØ/add11/-13 besteht Verwechslungsgefahr mit VIIb9. Die 5 kann mitgespielt werden (Bebop Scale).
Lokrisch9 IIØ/11
XØ/-13
VI in MMa 1, 2, -3, 4, -5, [5], -6, 7 9, 11, -13 IIm(-5) =VIIb(7)  
O GTHT XO/j/-13   1, 2, -3, 4, -5, -6, -7, j 9, 11, -13 IIO Ganzton-Halbtonskala. Besteht aus zwei verschachtelten Verminderten.